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Höchste Konzentration: Auf dem Seil auf einem Bein

„Ein einzigartiges Erlebnis“ – Zirkusprojekt begeistert Schüler und Lehrer des Wilhelm-Löhe-Förderzentrums

Ausnahmesituation für die Schülerinnen und Schüler des Wilhelm-Löhe-Förderzentrums Traunreut der Diakonie: Das 350 Personen fassende Zirkuszelt ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Aufgeregtes Gemurmel füllt das Rund, ab und zu ist ein lautes Rufen oder Lachen zu hören, schnell wird noch der eine oder andere Platz gewechselt. Als endlich laute Zirkusmusik ertönt, verstummen die Gespräche sofort. Gebannt schauen die Kinder in das professionell ausgeleuchtete Rund der Manege. Der Vorhang öffnet sich, zwei Akteure erscheinen auf der Bildfläche. Tosender Beifall brandet auf, die Generalprobe beginnt. Doch dieses Mal stehen nicht die Artisten des Zirkus Boldini im Rampenlicht, sondern die Schüler des Förderzentrums. Sie zeigen in einem über zweistündigem Programm, was sie im Laufe von vier Tagen gelernt haben. Jetzt sind die Scheinwerfer auf sie gerichtet, jetzt gilt der Applaus des Publikums ihnen. Ein einzigartiger, unvergesslicher Moment!

Das Zirkusprojekt des Wilhelm-Löhe-Förderzentrums Traunreut ist ein voller Erfolg. Alle 430 Schülerinnen und Schüler wirken mit, auch Lehrpersonal und pädagogische Fachkräfte sind mit eingebunden. Die Initiative zum Projekt kam von Schulleiterin Christa Rinner, für die Umsetzung sorgt die siebenköpfige Familie Frank, besser bekannt als Zirkus Boldini. Ihr Konzept geht auf. Bevor die Projektwoche beginnt, erhalten alle Schüler eine Exklusiv-Aufführung der Zirkusfamilie, das alle Bestandteile des Programms enthält, das in den darauffolgenden Wochen mit den Schülern eingeübt wird. Es reicht von Jonglieren, kunstvollen Darbietungen mit dem Hula-Hoop-Reifen, Bodenakrobatik, Schwebebalken und Seiltanz bis zu einer witzigen Clownsnummer. Beeindruckt von den Darbietungen dürfen die Schüler verschiedene Bereiche erst einmal ausprobieren. Mit Kennerblick ordnet die Zirkusfamilie die Kinder den verschiedenen Gruppen zu. Und dann wird erst einmal vier Tage geübt, ehe die Generalprobe und eigentliche Aufführung für Eltern und Angehörige stattfindet.

Garanten des Erfolgs: Die Familie Frank des Zirkus Boldini. Von links: Chiara Frank, Philipp Frank, Nina Frank, Mindy Frank, Nina Selma Frank, Danny Frank, Peter Frank.

An vielen Stellen lässt sich nur erahnen, wie einzigartig diese Erfahrung für jeden Einzelnen ist. Und alles braucht unglaublich viel Mut und Willen. Beispielsweise vor so vielen Menschen in gleißendes Scheinwerferlicht getaucht mit fester Stimme in ein Mikrofon zu sprechen, die Anwesenden zu begrüßen und die erste Nummer anzukündigen. Oder trotz einer Seh- oder Gehbehinderung über ein in rund 50 Zentimeter Höhe gespanntes Seil zu balancieren. Vor all den Zuschauern mit Bällen oder mit einem sich auf einem dünnen Holzstab drehenden Teller zu jonglieren. Dabei geht es in keiner Weise darum, ob eine Darbietung fehlerfrei gelingt oder gar perfekt ist, sondern um das Überwinden der eigenen Ängste und Hemmungen. Es geht darum, an sich zu glauben, es zu versuchen, sich darauf einzulassen, Grenzen zu überwinden und neue Erfahrungen zu machen. Selbstverständlich assistiert und bei Bedarf gestützt von den Artisten und Mitarbeitenden der Diakonie. Doch es ist berührend zu sehen, wie beispielsweise ein Junge, offenkundig mit einer Autismus-Spektrum-Störung, höchst konzentriert Meter für Meter über ein dünnes Seil balanciert, sich zum Abschluss zumindest andeutungsweise verbeugt, was für ihn offensichtlich der schwerste Teil der Übung ist, und dabei den begeisterten Applaus der Zuschauer wahrnimmt. Höhepunkt des Programms ist die Clownsnummer. Während der Zirkusdirektor, was er im Übrigen tatsächlich ist, den Kindern Arbeiten aufträgt, damit die vermeintliche Aufführung bald beginnen kann, feiern diese sofort lautstark eine Party, sobald der Direktor die Manege verlassen hat. Kündigt sich sein Kontrollgang durch eine Bewegung des Vorhangs an, verstummt die Musik sofort und alle tun so, als ob sie die Aufgaben erfüllen würden. Ein Heidenspaß für Zuschauer und Mitwirkende.

„Der Zirkus macht das so toll. Für die Kinder ist das ein einzigartiges Erlebnis“, sagt Konrektor Sebastian Eck. Und auch verschiedene Lehrkräfte kommen ins Schwärmen, wenn sie von dem Projekt und dem großen Einsatz der Zirkusfamilie sprechen. Manche können es kaum fassen, wie begeistert und konzentriert die Kinder mitmachen, und wie genau sie versuchen, alle Anweisungen exakt zu befolgen. Zirkusdirektorin Nina Frank hat dafür eine einfache Erklärung: „Wir stellen uns intuitiv auf jedes Kind ein und versuchen das Beste aus jedem Einzelnen herauszuholen.“ Zudem absolvierten alle Artisten der Familie auch eine pädagogische Ausbildung. Dennoch ist sie oft selbst überrascht, wie viel Vertrauen die Kinder in dieser kurzen Zeit aufbauen. Doch gerade deshalb ist ihr die pädagogische Schulung der Artisten wichtig.

Obgleich zu den Auftritten des Zirkus auch einige Tiernummern gehören, enthält das Programm des Mitmach-Zirkus ausschließlich Beiträge ohne Tiere. Dafür gehen die Trainer aber außerhalb der Trainingseinheiten mit den Kindern zu den Tieren, erklären deren Herkunft und Lebensraum und worauf es im Umgang mit ihnen ankommt. Auch diese Erfahrung gehört zur Projektwoche, sagt Nina Frank. Monetär rechnete sich das Projekt ihren Aussagen zufolge jedoch nicht, da zum Finanzierungskonzept auch öffentliche Aufführungen des Zirkus gehören, die aufgrund des Standorts auf dem Privatgelände des Wilhelm-Löhe-Zentrums leider nicht möglich waren.

 

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