
Im Zuge einer Tanzaniareise besuchten die Heilpädagogischen Förderlehrer des Wilhelm Löhe Förderzentrums in Traunreut, Marianne und Reinhard Penn, im August 2004 erstmals das Faraja Diaconic Centre am Fuße des Kilimanjaro. Angesprochen vom Schicksal und Lebensmut der dort unterrichteten körperbehinderten Kinder und Jugendlichen entschlossen sie sich spontan dazu, etwas länger zu bleiben und mit fachlichem Rat und handwerklicher Tat zur Seite zu stehen, getreu dem Motto: „Faraja heißt Trost“.
Europäische Standards gewöhnt, fiel es ihnen schwer, über zu kurze Krücken, unangepasste Stühle und Tische oder fehlende Therapiegeräte in einer Schule für körperbehinderte tanzanische Kinder hinweg zu sehen.

Ein wenig half ihnen das Wissen, dass es diesen Schülern vergleichsweise gut geht:
Sie teilen nicht das Schicksal so vieler Leidensgenossen, die hier mancherorts noch immer in der Wildnis oder auf einem Felsen in der Flussmitte ausgesetzt werden. Sie werden auch nicht mehr in den Hütten ihrer Eltern versteckt, um der Familie keinen schlechten Ruf zu bescheren.
Vielfach mussten sie erst dort, in den Dörfern, in den Hütten, von den Mitarbeitern der evangelisch-lutherischen Kirche Tanzanias aufgespürt werden und die Eltern von der Notwendigkeit einer Schulbildung - gerade auch für ihre beeinträchtigten Kinder - überzeugt werden. Jetzt wohnen sie oftmals mehr als einen Tagesmarsch von zu Hause entfernt in Faraja, werden beschult und medizinisch betreut und erhalten dreimal täglich eine Mahlzeit! Davon können viele gleichaltrige Tanzanier nur träumen! Zurück in Deutschland und ermutigt vom Zuspruch der hiesigen Kollegen begann das Ehepaar Penn Gelder zu sammeln, um über die Beteiligung an einem Container u. a. Rollstühle, Gymnastikmatten und Werkzeug nach Faraja zu verschiffen. Peter Barbian, der damalige Leiter der Diakonenausbildung am Faraja Diaconic Centre, ließ den Kontakt nicht abreißen und regte die Einrichtung eines Werkraums an. Mit einer ansehnlichen Summe Geld aus verschiedenen Spendenaktionen und Veranstaltungen auf privater und schulischer Ebene reisten sie 2006 erneut nach Tanzania und sorgten für die Grundausstattung des Werkraums.
Begeistert nahmen die Kinder die Angebote zum Basteln an, und auch ihre Lehrerinnen ließen sich, fasziniert von Material und Werkzeug, bereitwillig in für sie neue Techniken einführen. Erstaunlich der Ehrgeiz und das Geschick der Kinder: Trotz ihrer körperlichen Beeinträchtigungen, trotz verwachsener Finger, Spasmen und fehlender Gliedmaßen gelang es ihnen, beachtliche Ergebnisse zu erzielen.

Partnerschaftsfeier
Filmvorträge im Wilhelm Löhe Förderzentrum über die Unterrichtsbedingungen in dieser fernen afrikanischen Schule sensibilisierten und faszinierten Schüler und Lehrer gleichermaßen, so dass im Mai 2008 die Schulpartnerschaft zwischen den beiden Zentren offiziell beschlossen wurde. In einer bunten Auftaktveranstaltung in Traunreut wurde getrommelt und gesungen, eine Partnerschaftsurkunde unterzeichnet und den deutschen Schülern leere braune Stoffbahnen zum Bemalen übergeben. Mit Eifer gingen die Kinder im Unterricht dieser Aufgabe nach.
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Im Sommer 2008 konnte dem Schulleiter der Shule kwa watoto wenye ulemavu wa viungo in Faraja, Pastor Kileo Laban, von Sonderschulkonrektor Franz Stelzl und dem Ehepaar Penn während einer kleinen Begrüßungsfeier die Partnerschaftsurkunde übergeben und den tanzanischen Schülern mit einem Videofilm ein kleiner Einblick in den deutschen Schulalltag gewährt werden. Außerdem erhielten sie zwei weiße Stoffbahnen, um diese nun ihrerseits zu bemalen.


Ein paar Tage später und nach Abschluss der Malaktion kam es auf dem Schulhof zur großen Partnerschaftsfeier auf afrikanischem Boden mit Singen (auch auf bayrisch), Trommeln und Tanzen, Ansprachen, Urkundenunterzeichnung und Zaubern, und als sichtbares Zeichen der Verbundenheit beider Einrichtungen zur feierlichen Verknüpfung der nunmehr bunten tanzanischen mit einer bemalten deutschen Stoffbahn.

Nach dem Ende der Sommerferien fand in ebenso beschwingtem Rahmen auch in Traunreut eine bunte Partnerschaftsfeier statt. Die dabei verknüpften bemalten Stoffbahnen - und so wenig wie auf dem Band aus Afrika ein Zebra oder eine Giraffe fehlt, so wenig haben natürlich „unsere“ Kinder auf eine Kuh verzichtet - schmücken seitdem das Treppenhaus des Wilhelm Löhe Förderzentrums.

Aktivitäten
Beide Seiten, „Faraja“ mit ihrem rührigen Schulleiter Pastor Kileo Laban und das Wilhelm Löhe Förderzentrum versprechen sich von einer Partnerschaft regen und fruchtbaren interkulturellen Austausch. Schüler und Lehrkräfte beider Schulen können von gegenseitiger ideeller Unterstützung profitieren, seien es
o Briefkontakte (in Englisch und zur Not auch in Deutsch, denn das Zentrum leiten deutsche Diakone)
o Austausch von gemalten Bildern, Fotos von Schulaktivitäten, Berichten von Schulfesten, Videos aus
dem Schulalltag etc.
o Einbeziehung in Unterricht (und Gebet)
o Spendenaktionen im kleinen Rahmen
oder auch nur der viel zitierte Blick über den Tellerrand!
So trösteten Bilder von körperlich beeinträchtigten weißen Kindern ihre tanzanischen Leidensgenossen oder regten die Filmaufnahmen von einem Schulsportfest in Traunreut die afrikanischen Lehrer dazu an, einen ähnlichen Wettbewerb in ihrer Schule zu veranstalten und ihren Schülern dieselbe Möglichkeit zu bieten, sich zu messen, sich zu beweisen und so manchen weißen Gast trotz Handicap mit turnerischem Geschick zu verblüffen. Auf der anderen Seite werden verwöhnten deutschen Schülern immer wieder die eigenen Ansprüche deutlich, wenn sie z.B. erleben, wie sehr sich fremde Kinder über so banale Dinge wie Bleistifte und Spitzer freuen können.

Während des diesjährigen Sommerfestes am Wilhelm Löhe Zentrum erinnerte ein Stand an die afrikanische Partnerschule und animierte die Besucher, sich zu verkleiden und gegen Spende fotografieren zu lassen. Der Erlös hilft u. a., Stühle und Tische in Tanzania der individuellen Größe der beeinträchtigten Schüler anzupassen.

Doch gerade dieses Beispiel zeigt - weil es nämlich immer wieder auch notwendig ist, die tanzanischen Lehrkräfte von der Notwendigkeit solcher, für uns selbstverständlicher, Maßnahmen zu überzeugen - dass es mehr als wünschenswert wäre, den ein oder anderen afrikanischen Lehrer nach Deutschland einzuladen. Denn häufig wird der Dialog sehr vereinfacht, wenn beide Partner trotz kultureller Unterschiede, einen gemeinsamen Erfahrungshintergrund haben.
Gerade im Hinblick auf eine mögliche baldige Beschulung von geistig beeinträchtigten Kindern am Faraja Diaconic Centre scheint es uns besonders wichtig, den tanzanischen Kollegen nicht nur wie von uns bereits in die Wege geleitet - mit der Bereitstellung des bayrischen Lehrplans der Schule zur geistigen Entwicklung zur Seite zu stehen, sondern ihnen auch die Möglichkeit zu bieten, individuelle Förderung zu einem möglichst ausgefüllten und selbst bestimmten Leben vor Ort an einem deutschen Förderzentrum zu erleben!

Reinhard Penn


