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03.02.2012 - "Die Atmosphäre in den Hausgemeinschaften ist einfach toll!"
"Die Atmosphäre in den Hausgemeinschaften ist einfach toll!" "Wahnsinn, Frau Z. ist 102 Jahre alt, einfach unglaublich." "Pflegekräfte müssen ganz schön was leisten; auch körperlich!" Sätze wie diese sprudeln aus den drei Arbeitsvermittlerinnen der Agentur für Arbeit Traunstein geradezu heraus. Einen verlängerten Vormittag lang tauschten sie die Rollen und halfen tatkräftig bei der Pflege der Bewohner des Chiemgau-Stifts Inzell der Traunsteiner Diakonie mit. Um Interessenten für den Pflegeberuf besser beraten und das Anforderungsprofil genauer einschätzen zu können, wollten sie am eigenen Leib erfahren, was es heißt, in der Pflege tätig zu sein. Dieser Aufgabe stellten sie sich mit Bravour und waren von den Erlebnissen beeindruckt.
Treffpunkt 9 Uhr, Chiemgau-Stift Inzell. Hoch erfreut begrüßt Pflegedienstleiterin Beate Hamm drei neue Mitarbeiterinnen. Alle drei sind in unterschiedlichen Bereichen der Agentur für Arbeit tätig und möchten einen Tag lang aktiv bei der Pflege mithelfen. Der Hintergrund für das Vorhaben ist schnell geklärt: Händeringend suchen Pflegeeinrichtungen in der Region und im gesamten Bundesgebiet qualifizierte Pflegekräfte. Wer in diesem Bereich Fuß fassen kann, hat praktisch eine Jobgarantie. Doch obwohl viele bei der Agentur für Arbeit Interesse für den Beruf des Altenpflegers bekundeten, bleibe immer nur "eine Handvoll Bewerber" übrig. Heute möchten sich die Arbeitsvermittlerinnen sozusagen an der Quelle über den Beruf informieren und die Tätigkeit als Altenpfleger praktisch ausprobieren.
Pflegedokumentationswahnsinn
Pflegedienstleiterin Beate Hamm (Mitte) erklärt die Erfordernisse einer professio- nellen Pflegedokumentation.
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Zunächst erklärt Pflegedienstleiterin Beate Hamm die wichtigsten Dinge, die zu beachten sind. Der gesamte Pflegebereich leidet unter unzählig vielen administrativen Vorgaben, berichtet Hamm. Dabei gelte es aufzupassen, dass die mit der Dokumentation vorgeschriebene Unterteilung des Bewohners in unterschiedliche Pflegebedarfe nicht den Blick auf den ganzheitlichen Menschen verhindere. Ungläubiges Staunen macht sich breit, als die Pflegedienstleiterin den Aufwand anhand eines Dokumentationsbogens erklärt. "Leider gibt es viele Fehler im System", erläutert Hamm. So werde gute und erfolgreiche Pflege bestraft, indem durch den reduzierten Pflegebedarf sofort die Pflegestufe verändert und weniger Pflegeleistung bezahlt werde.
Der Rundgang durch die fünf Hausgemeinschaften des Chiemgau-Stifts bringt viele weitere Erkenntnisse: Die große Bedeutung der ehrenamtlichen Helfer, ohne die viele zusätzliche Aktionen nicht möglich wären, die hochmodernen Pflegebäder, deren Benutzung für viele Bewohner ein echter Höhepunkt ist, Erläuterungen wie das Zusammenspiel von Pflegekräften und hauswirtschaftlichen Kräften funktioniert und wie man sich am besten im Gespräch mit demenzkranken Senioren verhält. "Die alltäglichen Dinge des Lebens sind sehr wichtig und helfen demenzkranken Bewohnern, sich zurechtzufinden", sagt Hamm. Erst kürzlich habe sie erlebt, wie ein Bewohner, der gerade noch stark verwirrt war, sagt, als die Suppenschüssel zum Mittagstisch gebracht wird: "Heute bitte nur einen Löffel."
Achten auf viele kleine Details
Unzählig viele kleine Details schaffen im Chiemgau-Stift Inzell eine Wohl- fühlatmosphäre.
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Es sind die vielen kleinen Details, die überzeugen. Details, die das Chiemgau-Stift zu einem Haus des Lebens und der Gemeinschaft machen. Keine Zimmertür, die nicht mit einem Bild oder persönlichen Gegenstand des jeweiligen Bewohners gekennzeichnet ist. Die einzelnen Wohnbereiche haben feste Namen, wie Bauerngasse oder Kastanienallee. Kaum ein Bewohner hält sich in seinem Zimmer auf, zu viel Interessantes ist geboten. In den großen Wohnküchen wird gelesen, beim Kochen geholfen, geratscht oder Musik gehört. Wer sich bewegen möchte, nutzt in der kalten Jahreszeit die liebevoll gestalteten Wege zwischen den Hausgemeinschaften. Hier ein kleiner Schrein zum Andenken eines jüngst verstorbenen Bewohners, ein paar Meter weiter eine Strickecke mit kuscheliger Sitzgruppe, Nischen mit Zeitschriften und alten Büchern und vieles mehr.
Essensstationen der Hans-Weinberger-Akademie
Ausgerechnet an diesem Tag sind Schülerinnen der Hans-Weinberger-Akademie zur Praxiswoche im Haus. Sie beweisen eindrucksvoll, welch wichtige Funktion professionelle Hauswirtschaftskräfte in Senioreneinrichtungen haben. An unterschiedlichen Stellen haben sie sogenannte Essensstationen aufgebaut, an denen hochwertige Lebensmittel zu leckeren Zwischenmahlzeiten zubereitet wurden. Ein magischer Anziehungspunkt für Bewohner und Mitarbeiter, die sich die wohlschmeckende Suppe, frischgebackene Pizza, Zwiebelkuchen, Gebäck und Obst schmecken lassen. Gespräche ergeben sich dabei wie von selbst.
Zuwendung, Geduld und Einfühlungs- vermögen braucht die Hilfe bei der Essenseingabe.
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An einer Essensstation findet sich eine der Damen der Agentur für Arbeit. Sie hat eine Bewohnerin im Rollstuhl hierhergebracht und hilft behutsam bei der Essenseingabe. Die anderen beiden sind gerade mit den Pflegekräften in den Zimmern unterwegs und helfen beim Ankleiden, Waschen, Verband wechseln und Wäsche einräumen. "Alle Dinge kriegen hier einen neuen Wert und eine völlig veränderte Geschwindigkeit", resümiert eine der Arbeitsvermittlerinnen im Anschluss. Sie konnte es kaum fassen, wie schwer es in bestimmten Lebenssituationen sein kann, auch nur einen Löffel Suppe zu essen.
In der Schlussreflexion zeigen sich alle drei besonders von der Freundlichkeit der Bewohner und der Offenheit der Pflegekräfte beeindruckt. Aufgrund der räumlichen Gestaltung und des Versuchs, die Abläufe im Chiemgau-Stift an den Bedürfnissen und Interessen der Bewohner auszurichten, hatten sie oftmals "gar nicht das Gefühl, in einem Seniorenheim zu sein". Als besonders belastend empfanden sie in der praktischen Arbeit, wenn es nicht zu erkennen war, was das Gegenüber eigentlich möchte. Sei es, weil die Person sich aufgrund eines Schlaganfalls nicht mehr artikulieren oder aufgrund der fortschreitenden Demenz nicht mehr erklären konnte. "Das Mithelfen war sehr interessant und aufschlussreich", so das Resümee der Arbeitsvermittlerinnen aus der Agentur für Arbeit. Besonders überrascht habe sie die Komplexität. "Pflegekräfte müssen auf unzählig viele Einzelheiten achten. Wir haben großen Respekt vor dieser schweren Arbeit."




